Die Post geht ab!

4. November 2016 0 Kommentare

…oder warum die Post derzeit fast alles richtig macht

Bevor sie diese Zeilen lesen (Disclaimer): In meiner Funktion stehe ich in kontinuierlichem Austausch mit Postverantwortlichen, Händlern aber auch dem einen oder anderen Konsumenten. Ich besitze weder Aktien der Schweizerischen Post (obwohl ich das gerne hätte), unser Verband bekommt einmal pro Jahr ein Abendessen von der Post bezahlt und unsere Mitglieder liefern im Gegenzug pro Jahr gegen 400 Mio CHF an die Schweizerische Post ab in Form von Brief- und Paketporti, Bareinzahlungsspesen und vielem mehr. Ich schaue durch eine vielschichtige Kundenbrille auf die Entwicklungen der Post, wurde auch schon als unbarmherziger Kritiker und Gegner der Post bezeichnet, manchmal scheine ich auch eine Gefahr darzustellen. Ach ja, und ich werde jedes Jahr von der Post in den Zirkus Knie eingeladen, was ich wirklich super finde und sehr schätze!
 

Alles neu?

Und nun zu den Entwicklungen der Schweizerischen Post der letzten Jahre. Zugegeben, als der Name Susanne Ruoff als neue CEO verkündet wurde, konnte ich mir weder ein Bild noch eine Meinung dazu machen. Die Person war mir schlicht unbekannt. Ja, es war auch eine gewisse Skepsis da, was sollte denn die Erfahrung aus dem Telecombereich für die Post schon bringen…

Wenn ich nun nach 4 Jahren ein kleines Loblied auf die Postleitung anstimme, dann mit dem Seitenhieb, dass noch lange nicht alles perfekt ist (das werde ich dann weiter unten behandeln). Aber eines ist für mich mit der Ankündigung der Anpassung des Poststellennetzes klar geworden: Die Post hat erkannt, dass man mit der Geschichte und Unternehmensgrösse in der digitalisierten Welt keinen Blumentopf gewinnen kann. Sie hat erkannt, dass es wichtig ist, frühzeitig Weichen zu stellen. Sie hat gelernt, Unangenehmes zu kommunizieren und Klartext zu sprechen. Sie hat gelernt, hinzustehen und auch mal zu experimentieren. Sie hat gelernt, den Horizont etwas weiter zu fassen als von Genf nach St. Gallen und Basel nach Chiasso. Sie setzt sich mit den Veränderungen der Digitalisierung auseinander und hat festgestellt: Die Post- oder Distributionswelt wird grade jetzt «disruptiert» und der Konsument aber auch die Unternehmen befeuern diese Veränderungen mit neuen Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen:

  • Schnelle Lieferungen: heute nach Hause, morgen an den Pickpoint und am Sonntag ans Bett in der Ferienwohnung bitte!
  • Rasende Substitution der physischen Transaktionspost durch elektronische Post – einzig die Werbevolumen halten das Niveau
  • E-Banking anstelle von Bargeldtransaktionen
  • Die letzten Poststellennutzer (und die Politik) wollen keinen «Verkäuferliladen» in der Post
  • Die Hausservice-Kunden wollen nicht mehr zurück zur Agentur oder Poststelle
  • Neue Anbieter für Paketdistribution spriessen
  • Der Online-Handel setzt zum grossen Überholmanöver erst so richtig an
  • etc., etc.

Fehlende Frequenz ist des stationären Geschäftes Tod

Oder ganz kurz und knapp: Die Frequenzen in den Poststellen dürften infolge dieser Veränderungen jährlich um 5 - 10 % zurückgehen. Fehlende Frequenz ist das Todesurteil eines jeden stationären «Händlers».

Die Post muss also flexibler werden und die «verlorenen» stationären Kunden (be)suchen. Sie muss gleichzeitig die kontinuierliche sinkende Frequenz weiter bedienen. Um in der Sprache des Online-Händlers zu bleiben: Die Post wird sozusagen zum Omni-Channel-Anbieter, mit allen Konsequenzen.

Und sie hat keine andere Wahl. Denn wenn sie diese Schritte jetzt nicht macht, dann wird das Desaster (oder auch Defizit) in 4 – 5 Jahren so gross sein, dass der Bund die Gewinne der Swisscom direkt zur Deckung der Verluste der Post verwenden muss. Die Pro Service Public Befürworter sähen das wahrscheinlich (heimlich) immer noch gerne.

Wer die Wahl hat....

Die Post hatte also die Wahl: Passiv weitermachen wie bisher und zum Relikt werden oder aber vorwärts zu schauen und den Wandel zu begleiten und Anpassungen in ihrer Struktur vornehmen.

Ich glaube, die Post hat genau im richtigen Zeitpunkt gehandelt, vielleicht hätte sie es sogar früher schon tun sollen (wobei ich natürlich Verständnis habe, dass man das nicht während der Service Public Initiative angekündigt hat).

In diesem Sinne wünsche ich der Post auf dem eingeschlagenen Weg viel Erfolg, einen breiten Rücken und Mut zu weiteren Veränderungen. Ich wünsche mir, dass sie die Zweifel der Kritiker ernst nimmt und mit noch mehr Kundenorientierung antwortet. Dass sie den lautesten Rufern aufzeigt, wie gut der veränderte Service funktioniert. Wie glücklich Kunden sich mit Hauslieferdienst schätzen, wie sehr 12 Stunden Öffnungszeit einer Post-Agentur von Konsumenten auch genutzt und beansprucht werden und dass es ganz einfach wichtiger ist einen Nahrungsmittelnahversorger im Dorf zu haben als eine Post (und dies häufig auch nur noch dank dem Agenturmodell möglich bleibt).

Noch gibt es viel zu tun

Wie versprochen auch noch ein paar kritische Seitenhiebe und (hoffentlich) konstruktive Gedanken zur Schweizerischen Post:

  1. Monopol vs Grundversorgung:
    Monopol und Grundversorgungsdiskussion müssen getrennt werden. Es fehlt nach wie vor der transparente Nachweis / Berechnungen, wieviel die Grundversorgung kostet und wie dies vom Monopol finanziert wird. Sollte die Grundversorgung echten Finanzierungsbedarf haben, wie gedenkt man mit den wegbrechenden Briefvolumen in Zukunft Gewinne zu erzielen um die Grundversorgung sicher zu stellen? Das Argument «Monopol finanziert Grundversorgung» funktioniert dann nicht mehr.

  2. Grundversorgungsdiskussion
    Man könnte vielleicht den vorhergehenden Zeilen entnehmen wollen, dass ich mich gegen die Grundversorgung stelle. Im Gegenteil: Ich glaube, dass das noch nicht so alte Postgesetz dringend Anpassungen in Bezug auf die Grundversorgungsdefinition bedarf, dass gewisse Randregionen sogar mehr Grundversorgungsanspruch haben sollten als die Mittellandbanane. Das hiesse dann auch einzugestehen, dass der Grundversorgungsauftrag regional unterschiedlich sein könnte.
    Dies soll nicht dazu führen, dass jedes Dorf eine eigene Grundversorgungsstufe definieren kann, sondern dass vielleicht zwei oder drei unterschiedliche Grundversorgungsaufträge erteilt werden, welche dann auf das Modell Schweiz passen (Schweden hat es auch geschafft).

  3. Wie weiter mit PostFinance?
    In Zeiten des Zinsdifferenzgeschäftes auf Kontoguthaben war die PostFinance eine CashCow. Man konnte trotz fehlendem Kreditgeschäft relativ locker Gewinne einfahren. In Zeiten von Negativ- und Nullzinsen bricht dieses Geschäft völlig weg und es besteht keine Kompensationsmöglichkeit über Hypotheken oder Geschäftskredite. Entsprechend muss sich die Post über Gebühren finanzieren – bislang gerade im Privatkundengeschäft des Durschnittsschweizers ein entscheidender Vorteil von PostFinance um Gelder anzuziehen (neben der Staatsgarantie). Der PostFinance droht das «Abrutschen» in einen reinen «Zahlungsverkehranbieter» - auch dies ist in Zeiten der Digitalisierung und Gratiskultur nicht unbedingt eine rosige Aussicht.
    Die Post ist damit gefordert auch hier eine politische Diskussion anzuschieben, welche nicht unbedingt angenehm ist. Die Schweiz ist heute schon «overbanked»  und trotzdem muss PostFinance weiter fordern, die Bankenlizenz inkl. Kreditvergabegeschäft zu erhalten!

  4. Zeitungssubventionen
    Die Post sollte den Mut haben und die heute in die Zeitungsverteilung fliessenden Subventionen in Frage zu stellen. Die Digitalisierung der Medien beschleunigt sich, die gedruckten Zeitungsauflagen reduzieren sich wahrscheinlich bei 95 % aller aufgelegten Titel.
    Selbst Portugal hat die Zeichen der Zeit erkannt und steckt die staatlichen Zeitungssubventionen in Digitalisierungsprojekte von Verlagen anstatt in den teuren Strassentransport.

  5. Liberalisierung des Marktes
    Liberalisierung heisst nicht unbedingt Privatisierung (auch wenn ich der erste wäre, der Postaktien kaufen würde…). Aber die vollständige Liberalisierung würde die Post aus einem Korsett befreien. Die heutige Monopolisierung eines Teilmarktes macht die Post immer und überall angreifbar. Jedes noch so interessante Projekt wird von der Öffentlichkeit aber auch von privatwirtschaftlich agierenden Unternehmen sofort mit dem Vermerk «Staatsunternehmen sollte die Privatwirtschaft nicht konkurrenzieren» quittiert. Auch die Diskussion um PostFinance wird immer wieder mit diesem Argument abgewürgt.

    Warum geht die Konzernleitung nicht endlich in die Offensive und forciert den Swisscom Weg? Ich denke die Liberalisierung des Telecommarktes hat so schlecht nicht funktioniert und die Disruption von Logistik & Zahlungsverkehrs kann durchaus mit der «Mobilisierung» der Telefonie verglichen werden. Ein wenig mehr Mut in dieser Sache und es würde sich noch viel mehr zugunsten der Kundinnen und Kunden bewegen!

Langer Rede kurzer Sinn

Ich freue mich über die Entwicklung der Schweizer Post, ich habe Freude am eingeschlagenen Weg und ich freue mich über die Konzernleiterin Susanne Ruoff, welche sich nicht scheut den Blick konsequent nach vorne zu richten und mit Ihren Kollegen aus Konzern- und Divisionsleitung ein neues Tempo Richtung Zukunft eingeschlagen hat. Weiter so… und vielleicht bewirkt mein Lob ja auch, dass die eine oder andere Kritik auch noch aufgenommen wird…. 

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