One belt, one road - the new silk road

24. Februar 2016 0 Kommentare
the new silk road

oder wie China den nächsten Handelssturm in Europa vorbereitet

Der Wert von Zehnjahresplänen

Man kann von Chinas Zehnjahresplänen politisch halten was man will, eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Einmal als Meilenstein im Zehnjahresplan definiert wird umgesetzt auf Teufel komm raus.

Nachdem China 2014 die Devise „one belt, one road“ in den Zehnjahresplan aufgenommen hat, müssten eigentlich bei vielen Europäern (inkl. Schweiz) die Alarmglocken läuten. Sowohl bei Händlern, Herstellern aber auch Logistikern. Aber man spürt noch keine Hektik, man ist in Europa vor allem mit sich selber beschäftigt, Binnenmarkt, TTIP, Datenschutz, BREXIT usw. sind die heissen Themen.

In aller Ruhe hat also China sich angeschickt die alte Seidenstrasse zu renovieren, besetzt strategisch wichtige Punkte auf der Landkarte und rückt mit dem Aufbau von Umschlagsinfrastrukturen in Osteuropa und den VAE auch logistisch immer näher an Westeuropa heran. Chinesische Produzenten fangen an über Aliexpress, wish, lightinthebox und Co. mehr oder weniger direkt in Europa zu verkaufen, sie kaufen Markenhersteller in allen Bereichen zusammen, der „klassische“ Zwischenhandel wird nach und nach ausgeschaltet. Spinner höre ich sie schon wieder flüstern.

Fakten?

Gerne "untermale" ich die These mit folgenden Feststellungen/Beobachtungen in Bezug auf die Infrastrukturprojekte:

Diese ersten Projekte und Tatsachen sind meines Erachtens Beweis genug, was gerade im Gange ist: China versucht die Transportinfrastruktur nach Europa zu besitzen, die Transportgeschwindigkeit zu erhöhen und den direkten Kundenzugang zu erlangen.

Erstaunliches ist aus Griechenland zu hören: Seit der Übernahme von Teilen des Hafens in Piräus durch soll sich der Warenumschlag im von Chinesen bewirtschafteten Hafenteil um den Faktor 8 erhöht haben! China plant in Piräus/Athen Investitionen von 1 Milliarde USD in Logistikinfrastruktur.

Ich habe mich immer gefragt, warum alle Transportschiffe nach Rotterdam oder Hamburg fahren und mehrere Tage und Seemeilen zusätzlich auf sich nehmen…  das macht ökologisch und ökonomisch keinen Sinn. Die wahren Gründe dürften die heruntergekommene Infrastruktur und die unzuverlässige Verarbeitung in den Mittelmeerhäfen gewesen sein. Dem will China nun Abhilfe schaffen.

Was fehlt noch?

Wenn wir heute die Landkarte mit dem chinesischen 10 Jahresplan im Geist anschauen, dann sind die Chinesen also in Griechenland, in den Emiraten und im Iran angekommen, es fehlt aber noch ein Puzzleteil für die Waren-Grobverteilung in Europa – der verlässliche Eisenbahnanschluss (alles mit Lastwagen zu transportieren ist kaum der Plan). Ich würde fast wetten, dass wir in den nächsten Jahren mal noch den (Teil-)Verkauf einer nationalen Eisenbahngesellschaft in Osteuropa sehen werden. Aufgrund des Privatisierungsdrucks in Griechenland könnte es durchaus auch diese Institution treffen, aber vielleicht legen die Chinesen ja dann auch einfach mal selber Geleise zwecks sicherem Weitertransport der Güter. Déjà vu? zugegeben, diese Geschichte ist vielleicht gar weit her geholt aber sie kommt ihnen vielleicht aus Amerika um 1860 bekannt vor, auch dort haben zumindest Chinesische Arbeitskräften intensiv am Ausbau der Eisenbahninfrastruktur mitgearbeitet.

„Das trifft mich alles nicht“

…. denken auch jetzt noch einige Zwischenhändler und Retailer. Komplett falsch, sie haben die Digitalisierung immer noch nicht verstanden oder sie rast unter ihrem strategischen Radar frontal auf sie zu und sie haben in chinesischer Zeitrechnung noch genau 8 Jahre um zu verstehen (wahrscheinlich ist es in 4 Jahren schon zu spät). Die Digitalisierung bringt unter anderem den direkten Zugang zum Kunden – auch für Hersteller/Produzenten. Aliexpress, Lightinthebox und Konsorten haben das bereits verstanden, denn der Handel in China hat unser Fachmarkt- und Warenhauszeitalter in vielen Bereichen einfach übersprungen und ist dank Smartphone und Co. fast direkt im Mobilehandelszeitalter gelandet. Damit sind von diesen Unternehmen fast  alle Bedingungen für den Sturm auf Europa erfüllt und getestet. 

Warum auch nicht, wenn man einmal herausgefunden hat, dass das für 2 US$ an einen Zwischenhändler verkaufte T-Shirt am Schluss in Europa 40 US$ Verkaufspreis erzielen kann? Wenn Sie also heute Grosshändler sind und austauschbare Ware in China einkaufen und in  Europa an den Retail weiterverkaufen male ich ein eher düsteres Bild für Sie an die Wand. Wenn Sie jedoch Herr der Produkte und der Innovationen sind, selber womöglich in China oder anderen günstigen Ländern produzieren und die Hand auf dem ganzen Prozess haben – dann können sie sich auf goldene Zeiten freuen, es sei denn sie werden „wegkopiert“ (Den Fall Sigg würde ich dann mit „ausbezahlt“ umschreiben). Syngenta und Co. sind die neuesten Phänomene, aber es hat schon vor Jahren mit Lenovo (ehemals IBM) und Volvo begonnen.

Der Dominoeffekt - die ersten Steine fallen grade

Der Retailer im Sinne eines klassischen Händlers wird bedroht, ja er spürt es noch vor dem Zwischenhändler. Denn zuversichtlich wie der Retailer heute ist („mehr wie 20 % wird dieses Internet nie ausmachen“) kauft er dem Zwischenhandel immer noch Ware ab, immer häufiger bleibt er aber darauf sitzen (Blackout, Bernies, Company etc). Als Zwischenhändler freuen sie sich in einer Saison noch über Order, Preorder etc. aber es geht auf einmal schnell, wenn der erste Dominostein fällt. Der erste Dominostein ist der Retailer – und in der Schweiz scheinen seit Mitte 2015 die ersten Dominosteine gefallen zu sein.

Darum, liebe Zwischenhändler…

… werden sie Produzent und vielleicht sogar Retailer. Gehen Sie den harten Weg zum Ursprung der Ware. Entwickeln sie, bauen sie, produzieren sie, werden sie Herr ihrer Ware. Alles andere wird in 10 Jahren kaum mehr für die Existenz reichen. Der direkte Zugang zum Kunden dank oder wegen Internet wird fast alles was wir bis anhin gekannt haben auf den Kopf stellen. Die Chinesen haben das schon lange verstanden!

Sonst noch was?

Jedes Risiko eröffnet auch Chancen. Grade mit der neuen Silk Road eröffnen sich für mutige Schweizer Händler neue Chancen. Setzen sie sich mal hin und überlegen sie sich's einmal in die andere Richtung. Ein kleiner Hinweis: Haben sie sich schon mal überlegt, warum Chinesen wie verrückt Milchpulver in Europa kaufen? 

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