An alle Bargeldfanatiker

10. Februar 2016 0 Kommentare
Alter Trott

Etwas mehr Nüchternheit und Vision bitte

In den letzten Tagen greift ein „Angstgespenst“ aus Deutschland namens „elektronisches Bezahlen“ um sich, welches ich nur noch mit ungläubigem Kopfschütteln verfolge. Selbst der FAZ Herausgeber fühlt sich berufen ein Loblied auf das Bargeld zu singen und das elektronische Geld zu verteufeln. Es droht offenbar die Implosion des Staates Deutschland bzw. EU, wenn sich das im Umlauf befindliche Bargeld weiter reduzieren sollte.

Haben sich diese Leute auch schon mal gefragt, ob man diese Entwicklung hin zum „elektronischen/digitalen Geld“ überhaupt aufhalten kann? Oder zum besseren Verständnis sei vielleicht umgekehrt die Frage erlaubt: Wollen uns der Staat, die Juristen, die Verleger oder wer auch immer eines Tages zwingen, mindestens 10 % unseres Konsums mit Bargeld zu bezahlen und zu Hause Bargeld zu horten?

Ich stelle eine paranoide Haltung Einzelner fest, welche mit geradezu absurden Argumenten gegen die Streichung der 500 EUR Note aber indirekt auch gegen das elektronische (moderner digitale) Bezahlen kämpfen.

Schauen wir uns die Argumente mal genauer (und vielleicht etwas provokativ) an:

Wir sind total durschaubar, wenn wir nur noch mit elektronischem Geld einkaufen. Der totale Überwachungsstaat ist eine Frage der Zeit.

  • Stimmt, das ist theoretisch denkbar. In der Schweiz werden aber heute schon 50 % der Einkäufe im Detailhandel mit Debitkarten/Kreditkarten getätigt. Haben wir daraus einen Schaden erlitten oder werden wir vom Staat verfolgt? Mir sind keine solcher Fälle bekannt.
  • Google, Facebook und Co. haben den totalen Durchblick dank unserer Internet- und Mobilenutzung schon lange. Inwiefern trägt die elektronische Zahlung also zur Verschlimmerung der Situation bei?
  • Haben Schwedische und Dänische Bürger mit einem Barzahlungsanteil von noch 2 % wirklich ein Überwachungsproblem? Ich sehe keines. Im Gegenteil, die Staaten werden gerade medial immer wieder als Vorzeigeobjekte in anderer Hinsicht herangezogen. Von Verfolgung der Bürger via elektrische Zahlungsspuren habe ich noch nie etwas gehört.

Bargeld ist das einzige Mittel, welches mir erlaubt anonym einzukaufen

  • Stimmt…. wenn auch nicht in letzter Konsequenz. Man könnte tauschen. Man könnte sich etwas erarbeiten. Man könnte mit Gold bezahlen. Man könnte mit Briefmarken bezahlen ;-). Man könnte mit Zeit bezahlen. Man könnte mit einer Gegenleistung bezahlen. …
  • Ist wirklich das Anonyme Bezahlen der Antrieb das Bargeld zu behalten? Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen. Das Geld wurde als einfaches Tauschmittel „erfunden“, das Attribut „anonym“ hat es erst mit der Zeit zugesprochen erhalten. Den Tauschwert wird es aber auch im digitalen Zeitalter behalten, solange Vertrauen in die Währung da ist. 

Kein Entkommen vor Negativzinsen bei Aufgabe des Bargelds

„So könnten die Zinsen beliebig tief in den Negativbereich gedrückt werden, da sich Sparer gegen diese Art der Enteignung nicht länger wehren könnten, indem sie ihr Geld von der Bank abhöben und in bar horteten“. (Thomas Fuster – NZZ)

  • Ich kann hier mit Gold, Platin, Diamanten, Land etc. dagegen halten. Gut das ist vielleicht nicht immer gleich viel Euro oder CHF wert. Aber der Euro ist ja gegenüber dem USD, CHF etc. auch nicht immer gleich viel wert. Und wenn ich mir die Notenbankpolitik der EU so anschaue, dann wäre es vielleicht gscheiter, wenn die Bürger die vorhandenen Euros früher oder später in Gold, Diamanten, RMB oder vielleicht Land anlegen. Diese dürften den besseren Deflations- oder Enteignungsschutz haben als die Euro-Banknote.
    Und vielleicht wäre es auch einfach eine Frage einer gesetzlichen Regelung die negative Verzinsung von Privateinlagen bis zum Betrag von 100‘000 CHF zu verbieten. Wo ein Wille ist, ist ein Weg
  • Gar abenteuerlich wird die Vorstellung, wenn alle Kunden in der EU oder auch der Schweiz ihre Bankguthaben abholen wollten und Noten unters Kissen legen, um Negativzinsen zum umgehen. Diesen Bankrun möchte ich sehen. 
  • Kleines Gedankenspiel am Rande: Bei einem Bankrun dürfte „der Wert der Noten“ wahrscheinlich erstmals dramatisch steigen, da die Nachfrage nach Noten das Angebot um ein Vielfaches übersteigt…  was dann passiert wissen die Götter (wobei in Griechenland im Sommer 2015 nicht mal mehr die Götter weiter gewusst haben). 

Elektronisches Geld hilft nicht, Schattenwirtschaft oder (andere) Kriminalität zu verhindern

  • Ja, es ist korrekt, dass nicht jede kriminelle Handlung damit eliminiert werden kann aber….
  • ….hierzu meine kleine (Lieblings-)Geschichte zum Thema Schattenwirtschaft:
    Portugal hatte bis vor wenigen Jahren mit relativ grossem Anteil an Schattenwirtschaft und entsprechend lausigen MWST-Einnahmen zu kämpfen. Irgendein spitzfindiger, offener Denker ist auf folgende Idee gekommen: 

    Jeder Konsument bekommt eine Steuernummer und kann diese Steuernummer bei jedem Einkauf registrieren lassen (die meisten Kassen in Portugal können dies offenbar elektronisch verarbeiten). Mit dieser Registration seiner Einkäufe nimmt er automatisch an einer monatlichen Verlosung an einem Auto teil. Gleichzeitig hat er volle Transparenz über seine registrierten Einkäufe bekommen. D.h. wenn ein Einkauf nicht korrekt registriert wurde, konnte er mit Beleg die Nachregistration noch verlangen oder aber den Verkäufer „anschwärzen“. 

    Guess what: Die Portugiesen sind „verrückt“ um diese Registrationen für den Wettbewerb zu bekommen und im Land sprudeln seit Neuestem die MWST-Einnahmen. Es soll sogar quartalsweise jetzt ein noch grösseres Auto zusätzlich verlost werden. 

  • Meine Erkenntnis: Ein einfacheres, günstigeres System zur ordentlichen MWST-Deklaration gibt es kaum. Elektronisches Bezahlen hat durchaus das Potential, Schattenwirtschaft zu verhindern. Vielleicht wären Griechenland, Italien und andere Nationen gut bedient, sich das Modell Portugal mal genauer anzuschauen. 

Die Banken nehmen mir über Gebühren das Buchgeld weg, das kann mit Bargeld nicht passieren

  • Stimmt, das regt mich auch auf. Aber warum greift hier der Staat nicht regulierend ein? Warum überlegt er sich nicht, die jährlichen Kosten für Produktion, Verwaltung, Lagerung, Versicherung etc. von Bargeld zu sparen bzw. die eingesparten Kosten dazu zu verwenden, den günstigen elektronischen Zahlungsverkehr zu fördern und Strukturen für das einfache Deponieren von Geld zu schaffen (z.B. über die Kantonalbank oder die staatseigene Post)? Ist das wirklich so abwegig? Ich glaube nichts wäre einfacher als das.
  • Wäre es stossend, wenn der Staat das Zepter im elektronischen Zahlungsverkehr in die Hand nimmt und als oberste Maxime „günstige Transaktionskosten“ verfolgt? Das Staatsunternehmen PostFinance wickelt heute schon 80 % des gesamten elektronischen Zahlungsverkehrs ab… so weit davon entfernt sind wir gar nicht. 

«Geld ist die vielleicht konzentrierteste und zugespitzteste Form und Äusserung des Vertrauens in die gesellschaftlich-staatliche Ordnung.» Zitat vom deutschen Soziologen Georg Simmel im Kommentar von Thomas Fuster in der NZZ 

  • Wir müssten also schon längst Bankrott sein, das Buchgeld übersteigt das umlaufende Bargeld um ein Vielfaches. Dänemark und Schweden haben das Vertrauen in die gesellschaftlich-staatliche Ordnung völlig verloren. Hallo? 

 

„In der digitalen Welt kann nur das Bargeld den Menschen vor einer grenzenlosen Verfolgung schützen“ Holger Steltzner, Herausgeber FAZ

  • Mir fehlen die Worte: Ich weiss nicht, was ich zu so einem Satz sagen soll… denken sie selber mal mehr als 3 Sekunden drüber nach. Wie soll mich das Bargeld vor grenzenloser Verfolgung schützen? Ich habe das Gesäss voll Bargeld ergo bin ich geschützt? Weil ich mir alles kaufen kann oder weil meine Zahlung nicht elektronisch erfasst wird, wohl aber meine Cumulus-Punkte, Meilen, Facebookempfehlung, Bahnabo etc. Wenn Herr Steltzner konsequent handelt, fährt er heute wahrscheinlich auch noch mit der Kutsche ins Büro.  
  • Bargeld ist Freiheit: Alle Schweden und Dänen sind also "unfrei", gegeisselt und unterdrückt? 

Guter Rat muss nicht so teuer sein - wir sind schon nahe an den Lösungen

Anstatt die geplanten Schritte der EZB zu verteufeln und sich gegen das Unabwendbare zu stemmen, sollten sich die Kritiker einfach der Realität stellen und vielleicht darüber nachdenken, was wirklich zu tun wäre. Ich denke, dass Schweden und Dänemark zwei hervorragende Beispiele sind und beweisen, dass es durchaus mit sehr wenig (und vielleicht bald ohne) Bargeld sehr gut funktioniert.

Darum herum gehört aber ein Staat der den Finger auf gewisse neuralgische Punkte hält. Diese neuralgischen Stellen gilt es frühzeitig zu erkennen und zu besetzen. Kurz: Ich glaube, dass sich gerade starke Staaten fast ohne Sorgen vom Bargeld verabschieden könnten. Und für finanziell schwache Staaten, welche von Schattenwirtschaft geplagt werden ist es geradezu eine Riesenchance – vielleicht sollte sich Griechenland mal das Portugal Beispiel zur Brust nehmen.

Es muss ja nicht von heute auf morgen sein, aber so ein 10 Jahres-Programm dazu wäre doch mal eine Überlegung wert oder nicht?

 

 

 

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