Credit Suisse Retail Outlook 2016

6. Januar 2016 1 Kommentare

Brauchen wir in 20 Jahren noch Waschmaschinen?

Gestern wurde der Credit Suisse Retail Outlook 2016 vorgestellt - ein must read für alle Händler.

Ich mag mich noch an mein Gespräch mit der Autorin des Outlook Dr. Patricia Feubli am 16. Januar 2015 erinnern, wie es gestern gewesen wäre. Wir haben uns gefragt, was kommen mag und uns natürlich auch um den Detailhandel Schweiz Sorge gemacht. Wir haben uns über den Wert von Prognosen und Plänen unterhalten und wie sich die Konsumenten nun verhalten werden. Nun, es ist in etwa so gekommen, wie wir gefachsimpelt haben, insbesondere auch weil der Handel im grossen Ganzen recht schnell im Rahmen seiner Möglichkeiten reagiert hat.

Faktor Standortkosten

Im Speziellen haben wir schon damals „festgestellt“, dass die Kostenschlinge für den Händler in Zeiten kontinuierlicher Aufwertung des Schweizer Frankens immer enger gezogen wird. Gleichzeitig hat sich aber niemand ernsthaft mit diesen Kostenfaktoren Handel auseinander gesetzt resp. die Studien aus den  Jahren 2000 – 2010 sind in der Periode der Frankenaufwertung zur Makulatur geworden. Die Credit Suisse hat sich diesem Thema angenommen und versucht mit dem Outlook 2016 Licht ins Dunkel zu bringen soweit dies möglich ist. Dafür sei der Credit Suisse an dieser Stelle recht herzlich gedankt.

Einziger Wermutstropfen aus unserer Sicht: Der Kostentreiber „Werbung“ wurde nicht aufgenommen, hier wären wahrscheinlich unglaubliche Preisdifferenzen zum Ausland zu Tage getreten. Unsere These dazu: In der Schweiz sind die Werbekosten (Fernesehen, Radio, Online, Print) um den Faktor 2 bis 3 höher als im Ausland – auf Basis ist ein 1000er Kontakt oder Klickpreis.

Wen interessiert’s?

Nun aber zurück zur Realität: Das Traurige an der ganzen Sache ist, dass die Kostenvergleiche den Konsumenten (leider auch unsere Politiker) nicht interessieren. Es wird auch 2016 mit den Füssen abgestimmt bzw. über der Grenze eingekauft was das Zeugs hält (ich bitte diese Aussage nicht als wertend aufzufassen)! Der sogenannte Einkaufstourismus wird weiter konstant zulegen. Auch wenn sich der Franken gegenüber EURO oder USD abschwächen sollte, wird sich dieses Verhalten nicht ändern. Aber warum?

Die Einkaufstourismus-Studie der Uni St. Gallen hat in Befragungen festgestellt, dass die Mehrheit der notorischen  Einkaufstouristen erst ab einer Schweizer Preisreduktion von 30 – 40 % ihren Einkauf wieder in die Schweiz zurückverlegen. Eine solche Preisreduktion ist derzeit schlicht nicht vorstellbar, weder durch Frankenabwertung noch durch Preisreduktionen. Ergo wird sich der notorische Einkaufstourist auch die nächsten Jahre in Richtung Konstanz, Lörrach oder Annemasse bewegen.

Ein Blick in die Kugel

Was aber aus meiner Sicht noch viel dramatischere Konsequenzen haben wird ist der Online-Einkaufstourismus. Mittlerweile wird die Schweiz von chinesischen Direktimporten geflutet – die Digitalisierung und unsere Schweizer Politik machen es möglich. Ich wage zu behaupten, dass wir in wenigen Jahren mehr Pakete von Aliexpress und Co. in die Schweiz sehen werden als von Amazon. Auch diesem Phänomen kann man kaum etwas entgegensetzen, die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten, auch nicht mit Zoll und Gesetzen. Es wäre jedoch schön, wenn man diese Importeure nicht mit MWST-Vorteilen, Zollfreiheit und weniger gesetzgeberischen Auflagen im Vergleich zum Schweizer Händler „bevorzugen“ würden.  

Schwarzmaler oder Pessimist höre ich nun viele rufen. In gewisser Hinsicht mag dies stimmen. Ich denke aber, dass diese Entwicklungen einfach gnadenlos aufzeigen, dass sich auch der Handel mit einem „brachialen“ Veränderungsprozess auseinander zu setzen hat und nicht auf Frankenaufwertung oder verständnisvolle Konsumenten zählen darf. Er hat sich damit auseinander zu setzen, was er tun muss um den Kunden bei sich zu halten.

Was tun?

Es wird sie überraschen, aber ich werde nun nicht auf den Tenor „geht online“ einschwenken. Im Gegenteil: Überlegen sie sich gut ob „online gehen“ die Lösung ist, vielleicht schafft es auch nur neue Probleme. Bei Ratlosigkeit im Handel ist es derzeit wahrscheinlich gescheiter in Amazon-, Zalando oder Alibaba-Aktien zu investieren als orientierungs- und hilflos im Online-Handel noch vorhandenes Geld zu versenken.  

Ich rate vielmehr jedem Händler vermehrt in die Wertschöpfungskette seiner A-Produkte zu investieren. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht sooo sexy wie „ich bin jetzt auch im E-Commerce tätig“, verspricht aber mehr Nachhaltigkeit. Werden sie Herr ihrer Produkte, gehen sie den harten, dornigen Weg zurück in die Produktion, Entwicklung und Vermarktung ihrer besten Artikel. Schalten Sie soweit wie möglich den Zwischenhandel aus, die Hersteller tun es übrigens auch (früher waren es Flagshipstores, heute sind es eigene Online-Präsenzen). Nur auf diesem Weg verschaffen sie sich Unabhängigkeit und einen künftigen USP.

Brauchen wir in 20 Jahren noch Waschmaschinen?

Noch ist es nicht zu spät, aber einfach nur etwas „Handeln“ und von Zwischenhändlern und Importeuren Ware beziehen – diese Zeiten sind in ein paar Jahren definitiv vorbei. Der Weg zum Kunden wird direkter und gipfelt in meinen Gedanken beim 3D-Drucker im Keller. Oder anders gesagt: Stellen sie sich mal vor, in 20 Jahren steht in jedem Keller ein 3D-Drucker und eine Recyclingmaschine anstelle eines Tumblers und einer Waschmaschine. Brauchen wir dann noch einen Händler für Non Food Artikel?

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  • Kevin Klak

    Kevin Klak schrieb am 8. Januar 2016 um 19:33 Uhr:

    Sali Patrick, ich widerspreche nur ungern. Evt. Könnte man das auch eher präzisieren nennen. Ich denke jeder Händler muss "online gehen". Ob aber jeder Händler auch noch "e-Commerce" machen muss...? Denke das ist es was Du auch meinst... Ich sehe das auch dezidiert anders als die vielen Lemminge vom Seitenrand. Investment in Prozesse, Lieferantenmanagement, ggf. Longtail, Partnerschaften/Kooperationen, Service, Automation, Eigenmarken, geografische Nähe, POS, etc. führt einem wieder auf die Erfolgsstrasse.