Die Preise müssen jetzt um 20 % runter...

15. Januar 2015 1 Kommentare

... und warum dies für einen Schweizer Händler unmöglich ist

Die Diskussion kennen wir. Nachstehend eine 1:1 Kopie eines Beitrages aus dem Jahr 2011. Kurz einleitend meine provokative Prognose, was heute oder morgen in den Medien vom SKS oder von Herrn Darbellay gefordert wird (in Analogie zum Jahr 2011):

  • "Die Preise im Detailhandel müssen jetzt auch umgehend sinken" oder  "die Händler zocken Schweizer Konsumenten weiter ab"

 

Und jetzt die Erklärung (im Originalton 2011), warum dieser Forderung ein (Schweizer) Händler mit Kostenstrukturen in der Schweiz nie gerecht werden kann.

 

Hinweis: Die Kurse sind im Vergleich zum Originaltext angepasst worden, die Anbieter, Akteure etc. sind aber immer noch die gleichen. Der Originaltext ist entstanden als Digitec 2011 Preisreduktionen von 7 % angekündigt hatte, dieses Beispiel verwende ich im folgenden Text hypothetisch gleich wieder, es passt immer noch zu gut - Zitat Beginn:

 

Nachstehend die relativ einfache theoretische Erklärung anhand einer tabellarischen Übersicht, welche zeigt, wie viel Preissenkungspotential ein Unternehmen bei gegebenem Fremdwährungsanteil bei entsprechenden Währungsveränderungen hat:

waehrung

Anhand des Beispiels digitec kann nun relativ einfach dargelegt werden, wie die 7 % Preissenkung zustande kommen könnte (Hinweis: es sind alles Annahmen - der Autor kennt weder die Kostenstruktur noch die Währungssicherungspolitik von digitec.ch):

Wenn wir annehmen, dass bei digitec.ch der Kostenanteil in Fremdwährungen 50 % des gesamten Umsatzes ausmacht und die restlichen Kosten (Löhne, Werbung, Postgebühren, Steuern etc.) in CHF anfallen, hat digitec.ch bei einer Währungsveränderung EUR/CHF von -20 % ein maximales Preissenkungspotential von 10 % - ohne seine Margen/Gewinn zu gefährden.

Nehmen wir nun weiter an, dass auch digitec.ch mindestens 50 % der Einkäufe in EUR oder USD mit einem Vorlauf von 6 Monaten absichert. In Konsequenz sitzt digitec derzeit auf Termingeschäften, bei welchen man den EUR zu CHF 1.20 und den USD zu CHF 1.00 einkaufen muss und nicht zu 1.00 (EUR/CHF) oder 0.87 (USD/CHF) erhält, wie von den eingangs genannten Personen immer wieder ins Feld geführt wird. Im Idealfall kann digitec ab heute zu günstigeren Kursen zukaufen und somit einen tieferen Durchschnittskurs erzielen (Annahme möglicher Durchschnittskurs EUR/CHF 1.10 - USD/CHF 0.95).

Wenn wir nun den Kurs von vor  1 Tag als Ausgangsbasis für eine Währungsveränderung nehmen (EUR/CHF: 1.20 - USD/CHF: 1.00) profitiert digitec von einem Währungsvorteil beim EURO von ca. 20 % und beim USD von 13 %. Wenn wir diese Währungsveränderung nun in der Tabelle mit einem Mittelwert von 15 % einsetzen würden, erhalten wir ziemlich genau 7.5 % mögliche Preisreduktion. Somit bewegt sich digitec.ch hart an der Grenze des Möglichen, hat aber für die nächsten paar Monate hoffentlich Ruhe an der Kundenfront.

Und was ist die traurige Erkenntnis am Ganzen?
Die 7 % sind für den Schweizer Konsumenten in seiner Wahrnehmung ein Tropfen auf den heissen Stein, denn er erwartet 20 % - weil er dies mit einem Einkauf im Ausland realisieren kann! Der ausländische Anbieter wird somit trotz Preissenkungen von 7 % immer noch viel günstiger erscheinen! Denn für den ausländischen Anbieter fallen alle Kosten in der schwachen Währung an und dies kreiert dann einen „Turbo-Preisdifferenzeffekt". Warum? Das generelle Kostenniveau im Versandhandel (insbesondere Löhne, Mieten etc.) war im benachbarten Ausland schon vor der Währungskrise viel tiefer als in der Schweiz. War früher z.B. der Logistik- oder Call-Center Mitarbeiter mit einem Stundenlohn von 6 - 9 EURO rund 50 % günstiger als in der Schweiz, ist es heute eine Differenz von 60 bis 65 %! Mit allen anderen Kosten verhält es sich aufgrund der Währungsentwicklung ähnlich.

Wenn nun Herr Darbellay oder Frau Stalder eine maximale Preisdifferenz von 10 % zu den Euroland-Preisen fordern, ist das - trotz MWST-Vorteil Schweiz - eine Illusion. Es sei denn diese Personen wünschen sich tiefere Löhne, tiefere Mieten, mehr Arbeitslose, freien Warenverkehr etc. 
Diese Personen beschleunigen mit Ihren Voten den Weg der Schweiz in eine Krise, denn sie schwächen damit den letzten Pfeiler der Konstanz (und ich meine damit nicht den Wallfahrtsort Schweizer Einkaufstouristen): den Konsum!

Falls Sie es bis hierher geschafft haben, sind wir überzeugt, mit diesen Zeilen einiges an sachlichen und nachvollziehbaren Argumenten zur Währungsdebatte geliefert zu haben. Gegen eine Anschaffung im Ausland kann niemand etwas einwenden - auch unser Bundesrat nicht. Aber gegen den Aufruf gewisser Kreise, alles nur noch im Ausland einzukaufen und mit den „Füssen Druck auf den Handel aufzusetzen" - dagegen sollten wir uns wehren. Einige Tausend Angestellte im Schweizer Detailhandel werden Ihnen hierfür eines Tages dankbar sein.

Zitat Ende

 

Nachtrag:

Die ganze Logik gilt nach wie vor. Und 2020 werde ich den Text dann wohl wieder hervorkramen müssen. Aber dann ist vielleicht meine These mit der "Angleichung des weltweiten Preisniveaus für vergleichbare Güter dank Internet" der Realität schon ein Stück näher gerückt und wir müssen uns nur noch um unsere Exportindustrie und den Tourismus Sorgen machen...

Nachtrag 2: 

Dieser Tweet vom Preisüberwacher war schon da, als ich meinen Blog gepostet habe.... ich habe es geahnt, aber die falschen "beschuldigt", sorry SKS, sorry Herr Darbellay

meierhans

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  • Zingg

    Zingg schrieb am 16. Januar 2015 um 09:01 Uhr:

    Fundiert, einleuchtend, konstruktiv. Danke für diesen Artikel.